AG Digitaler Wandel Digitalisierung Kolumne

eLearning – aus der Sicht von Digital Natives

Dieser Beitrag ist die Position eines AG-Mitglieds und keine offizielle Parteimeinung.

Betrachtung der deutschen Situation am Beispiel von Erfahrungsberichten von Eltern aus der Onlinegamingbranche

Unter eLearning versteht man gemeinhin “elektronisch unterstützes Lernen”; alle Formen des Lernens, bei denen elektronische oder digitale Medien als Lehrmittel und / oder zur Unterstützung der zwischenmenschlichen Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden genutzt werden.

In der Theorie haben wir hier die Nase weit vorn – immerhin sind wir doch heutzutage vollständig vernetzt. Die Schüler haben Instagram, Facebook und Twitter und kaum jemand hat kein Smartphone, keinen Laptop oder Computer mehr. Aber reicht dies, um ohne – oder mit zumindest mit nur wenigen – Übergangsprobleme von heute auf morgen den Präsenzunterricht effizient und funktionierend durch Teleunterricht zu ersetzen?

Theorie vs. Praxis

Eigentlich lautet die Antwort für den Digital Native unumwunden und wie aus der Pistole geschossen: ja, klar! Dabei vergisst er allerdings leider, dass er nach wie vor nicht der Normalfall ist. Als jemand, der in der Onlinegamingbranche arbeitet, sind Dinge wie Homeoffice, selbständige Onlinerecherche und die Nutzung von digitalen Telekommunikationskanälen für mich nichts Neues, sondern absolut normal und beinahe schon alltäglich. Für Schüler und Lehrer allerdings ist dies absolutes Neuland. Während Schüler oftmals zumindest den grundsätzlichen Umgang mit Smartphones, Tablets und Computern heutzutage bereits einwandfrei beherrschen, so nutzen sie diese Geräte oft nur zum Privatvergnügen und sehen sie nicht als potentielle Lernmittel an. Und selbst heute noch gibt es genügend Lehrer, für die der Umgang mit solchen Geräten nach wie vor etwas ist, dass sie erst noch erlernen müssen.

Anhand von 3 konkreten Beispielen, die Eltern in meinem Umfeld so erlebt haben, möchte ich mir daher heute anschauen, wie gut wir wirklich auf eine Situation wie “Corona zwingt uns, Schule neu zu denken!” vorbereitet sind.

Einander sehen

Eine simple Fragestellung, vor der nicht nur Firmen, die Meetings und Konferenzen abhalten müssen, stehen, sondern auch Schulen, Lehrer und Schüler: wie kann man, ohne die Möglichkeit der Präsenzveranstaltung, dennoch meeten, sich sehen und das Gefühl eines “echten” Treffens aufkommen lassen?

So simpel die Frage auch scheint, ihre Antwort ist mitunter problematisch und schwer zu finden. Es gibt Dutzende unterschiedlicher Anbieter von Konferenzsystemen und Videochats. Schnell kommt da die Frage nach der Datensicherheit auf, aber auch die Frage nach der technischen Umsetzung. Soll der genutzte Dienst möglichst sicher und sparsam mit den Daten aller Beteiligten umgehen, ist nach wie vor der sicherste Weg, selbst eine Instanz der Software auf den eigenen Servern zu hosten. Ein Problem, das für eine Firma mit eigenen Servern und einer IT Abteilung oftmals keines darstellen sollte, kann hier Schulen schnell an den Rand des Wahnsinns treiben. Oftmals scheitert dies bereits an der mangelnden technischen Infrastruktur und dem mangelnden technischen Wissen der Verantwortlichen. Wirkliche Unterstützung kann sich die einzelne Schule hier vom Staat kaum erhoffen und so weichen viele Schulen auf Skype, Zoom oder ähnliche, fragwürdige Systeme aus, die vom Sicherheitsaspekt her keineswegs zu empfehlen sind. So wollte z.B. die Schule, auf die die Kinder eines Mitglieds unseres Vorstands gehen, zunächst Skype nutzen. Verhindert werden konnte dies letztlich nur dadurch, dass er auf seinem eigenen Server eine Jitsi-Instanz eingerichtet und diese der Schule zur Verfügung gestellt hat.

Es mangelt hier eindeutig an Infrastruktur und Wissen und Schulen werden mit diesen Problemen größtenteils alleine gelassen und erfahren nur wenig bis keine Hilfe von “oben”.

Kommunikation im Allgemeinen

Im “normalen” Alltag des Lehrers ist Kommunikation oft sehr simpel. Die Schüler sitzen vor Einem und wenn man ihnen sagen möchte, was ihre Hausaufgaben sind, so ist dies einfach: man öffnet den Mund und sagt es ihnen. Alleine diese simple Aufgabenstellung jedoch ist es, die in der Krise bereits viele Lehrer vor eine scheinbar schier unlösbare Aufgabe stellt. Wie erreicht man alle seine Schüler? Schüler untereinander lösen solche Probleme recht schnell; es gibt Telegram, Threema, Viber, Hangouts, WhatsApp und eine Myriade weiterer Messenger, die zur Kommunikation genutzt werden. Selbst eMail ist ja heutzutage quasi schon veraltete, nicht mehr zeitgemäße Methode der Kommunikation. Nicht jeder Schüler hat eine Mailadresse. Natürlich stellt dies den Lehrer allerdings vor ein weiteres Problem: er muss nun sein privates Gerät zur Arbeit nutzen, um seinen Schülern Hausaufgaben zukommen zu lassen. Eine Kollegin berichtete mir, dass ein Lehrer ihrer Kinder dies zum Anlass nahm, den Schülern gar nicht erst Aufgaben zu geben und in Kontakt mit seinen Schülern stünde er nun auch nicht, außer über sporadische Mails, die oftmals nur leere Floskeln und nichts Sinnvolles enthielten.

Nun ist dieser Lehrer nicht die Regel und zum Glück geben sich die meisten Lehrer durchaus mehr Mühe, aber es zeigt für mich auch wieder, wie fatal es ist, dass Lehrer hier auf sich selbst gestellt und sich selbst überlassen sind. Der Staat müsste hier die Infrastruktur und die Gegebenheiten schaffen, damit Lehrer nicht an alles selbst denken müssen und vor Allem auch nicht ihre privaten Geräte für die Arbeit nutzen müssen. Jeder Arbeitgeber in der Privatwirtschaft wird vom Gesetz dazu verpflichtet, seinen Arbeitnehmern die notwendigen Arbeitsmaterialien für das Homeoffice zur Verfügung zu stellen. Der Arbeitgeber Staat jedoch entzieht sich hier still und heimlich dieser Verantwortung.

Auch wird nicht für eine konsolidierte, vernünftige und allgemeingültige Regelung gesorgt, was die Kommunikation in solchen Zeiten betrifft. Bildung ist Sache der Länder und grundsätzlich kann jedes Land daher schalten und walten, wie es möchte und leider sieht die Realität eben oft so aus, dass die Handhabung der Situation noch viel granularer auf “Jede Schule versucht selbst, irgendwie der Lage Herr zu werden” runtergebrochen werden kann. Es wird aber Möglichkeiten geben, hier auf die Länder einzuwirken und ihnen zu zeigen, dass eine gemeinsam vereinbarte, bundesweit gültige Leitlinie bzgl. der Telekommunikation im Teleunterricht sinnvoll und hilfreich wäre. Allein schon, um nicht länger Lehrkräfte, Schüler und Eltern gleichermaßen mit unterschiedlichen Tools und Prozessen in den Wahnsinn zu treiben.

“Wenn alles wieder normal ist…”

Ein Kollege berichtete mir neulich, dass der Lehrer seiner Tochter so gut wie jede Mail, die er an die eigens hierfür eingerichtete Mailingliste seiner Klasse schickt, mit den Worten “Und wenn alles wieder normal ist, machen wir das ja wieder wie früher.” beendet. Ich verstehe das. Wirklich. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Veränderung ist böse und wenn man sich erst einmal jahrzehntelang an etwas gewöhnt hat, möchte man das nur ungern von jetzt auf gleich komplett anders machen.

Auf der anderen Seite kann ich als jemand, dessen Firma nun seit mehr als 12 Wochen zu 100% auf Homeoffice umgestellt hat, berichten: Homeoffice tut viel für die Effizienz des Mitarbeiters. Auch von Schülern und Eltern, mit denen ich regelmäßig spreche, höre ich mittlerweile oft viel Gutes über die neue Situation. Wirklich vermisst wird der regelmnäßige Präsenzunterricht kaum noch und auch das Problem “Was tue ich jetzt den ganzen Tag mit meinen Kindern?” hat sich oft als deutlich weniger real und schlimm herausgestellt, als viele zu Beginn noch befürchtet hatten. Kinder können sich i.d.R. ganz gut mit sich selbst beschäftigen und Eltern, die berufstätig sind, müssen gar nicht, wie befürchtet, neben dem Homeoffice auch noch die Kinder bespaßen.

Vielleicht sollten wir gar nicht zwingend davon ausgehen, dass Präsenzunterricht das einzig Wahre ist. Genau genommen bietet er eigentlich kaum Vorteile, wenn wir die soziale Interaktion untereinander mal außer Acht lassen, die man problemlos auch ohne den äußeren Rahmen “Ich muss täglich das Gebäude ‘Schule’ aufsuchen.” hinbekommt. Gerade für die Selbständigkeit der Schüler, sich auch einmal selbst mit Recherche und Bildung zu beschäftigen und nicht stetig nur vom Lehrer an der Tafel Dinge vorkauen zu lassen, kann es von Vorteil sein, wenn Schüler jetzt lernen, wie es sonst auch ginge. Das grundsätzliche Konzept von Teleunterricht ist ja auch kein gänzlich Neues oder gar rein dem Digitalzeitalter zuzuschreibendes. Bereits vor über 40 Jahren bekamen Schüler im Outback Australiens beispielsweise per CB Funk Unterricht, da die nächste Schule eine Tagesreise entfernt gewesen wäre. Wir haben also bereits in der Vergangenheit Beispiele dafür, dass Präsenzunterricht mitnichten die einzige Alternative ist.

Fazit

Vorbereitet sind wir nicht. Auch jetzt, nach mehr als 12 Wochen, übrigens noch nicht. So viel ist mir nach Gesprächen mit Lehrern, Schülern und Eltern klar. Und alle beteiligten Parteien fühlen sich mitunter allein gelassen, unvorbereitet und überfordert.

Hier sind Aufklärung und aktive Unterstützung gefragt. Als PIRAT und Digital Native bin ich hier unterstützend tätig und helfe bei der Einrichtung von Jitsi-Instanzen, und berate zu den Themen Telekommunikation, Gruppenchats, Mails und co. Und während jedem einzelnen Gespräch frage ich mich aufs Neue: warum lassen wir dem Staat seine Untätigkeit in dem mitunter wichtigsten Bereich, der Bildung, so sang- und klanglos durchgehen?

Die Kollegen von der AG Bildung haben übrigens hier eine ganze Handvoll nützlicher Tipps und Ratschläge, sowie allerlei nützliche Links zu Youtube Videos, Plattformen und Apps rund ums Digitale Lernen zusammengefasst.

Was ist Eure Ansicht dazu? Diskutiert das gerne mit uns in den Kommentaren.

1 Kommentar zu “eLearning – aus der Sicht von Digital Natives

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